parallax background

Farmarbeit in Kanada April 2019

14. Juli 2019
Sonnenuntergang auf dem Atlantik
Leben auf dem Frachtschiff März 19
14. Juli 2019

Wegen des langwierigen Prozesses des Autokaufens in Ontario durfte ich das Farmleben der Familie Suter kennen lernen. Ich war wieder zur√ľck bei den K√§lbern und habe ihnen per Schoppen Milch gef√ľttert.

Wieder zur√ľck bei den K√§lbern

Meine Farmarbeit h√§tte mit dem Verlassen von Island abgeschlossen sein sollen. In Nordamerika wollte ich ein Auto kaufen und damit losziehen. Da ich mich mit Autos nicht auskenne und noch nie ein eigenes Auto besessen habe, war ich unsicher, wie lange das dauern und wie schnell ich ein Auto gefunden haben w√ľrde. Daher suchte ich vor meiner Abreise aus der Schweiz nach Bekannten in Nordamerika und fand die Familie Suter in Alexandria ON.
Der Autokauf dauert nun viel l√§nger als angenommen, was sich f√ľr mich schlussendlich als Gl√ľcksfall herausstellt. Die Familie Suter betreibt eine grosse Milchfarm mit √ľber 600 K√ľhen. Nach den ersten paar Tagen Leben wie im Hotel kann ich Franz und Sarah beim K√§lbertr√§nken unterst√ľtzen.

Arbeit mit den Kälbern

Jeden Morgen um 6:00 Uhr suchen wir den Kalberstall auf. Darin verbringen die zuk√ľnftigen Milchk√ľhe ihre ersten 90 Tage. Sarah f√§ngt mit den kleinsten K√§lbern an. In der ersten Woche erhalten sie die Milch aus dem Schoppen. Franz f√ľllt die Milchf√§sser f√ľr die √§lteren Tiere. Diese wissen wo die Nuggis sind und freuen sich schon auf die frische Milch. Ich beginne mit dem Reinigen des Stalls. Es gibt verschiedene Gruppen je nach Alter der K√§lber. In diesen Gruppen haben sie jeweils einen erh√∂hten Bereich, der mit S√§gesp√§nen ausgelegt und trocken ist, darin legen sich die K√§lber zum Schlafen und Ausruhen hin. Im vorderen Bereich ist es feucht vom Mist, diesen r√§ume ich zur Seite.
Anschliessend erhalten die zwei Gruppen mit den √§ltesten K√§lbern Kalberfutter in fester Form von Mais und anderes W√ľrfelfutter. Zudem streue ich zus√§tzliche S√§gesp√§ne in den Liegebereich. Wenn es viele K√§lber hat oder einige, die nicht schnell trinken, helfen Franz und ich auch noch mit dem Sch√∂pp√§l√§ der J√ľngsten. Sobald alle ihre Portion Milch erhalten haben, kontrolliert Franz die frischen M√ľtter, ob alle bei guter Gesundheit sind und Sarah macht dasselbe mit den K√§lbern. Sie nimmt sich viel Zeit die Tiere zu beobachten, um allf√§llige Anzeichen von Unwohlsein zu bemerken. Das k√∂nnen h√§ngende oder kalte Ohren sein, eine magere Statur oder anderes auff√§lliges Verhalten wie Inaktivit√§t oder R√ľckzug in die Ecken. In diesem Fall kommt der Fiebermesser zum Zug. Die gemessene K√∂rpertemperatur und eine allf√§llige medikament√∂se Behandlung wird t√§glich protokolliert. Sobald die K√§lber aus den Einzelboxen in die Gruppen verschoben werden haben alle Ohrmarken. So hat Sarah immer die Kontrolle √ľber den Gesundheitszustand ihrer Sch√ľtzlinge. Am Abend erhalten die Tiere nochmals Milch oder Kalberfutter, aber die Reinigung und genaue Beobachtung der Tiere findet nur am Morgen statt.

Das Leben einer Milchkuh

Da im Hauptstall der Familie Suter √ľber 600 K√ľhe gemolken werden, bedarf es einiges an Organisation, um diesen Betrieb aufrecht zu erhalten. Deshalb kann man auf diesem Hof ganz gut die verschiedenen Stationen und Phasen einer Milchkuh miterleben.

Geburt und die erste Woche in der Einzelbox

In einem abgetrennten Bereich im grossen Milchkuhstall, welcher mit Stroh ausgelegt ist, kommen die K√§lber auf die Welt. Von da werden sie innerhalb von einigen Stunden in den Kalberstall verschoben und erhalten ihre eigene Box f√ľr ca. eine Woche. Morgens und abends sollten sie Milch aus dem Schoppen trinken. Falls sie Durchfall bekommen, was immer wieder vorkommt, m√ľssen sie sich mit Wasser zufrieden geben. Wir haben 19 Einzelboxen. Wenn alle belegt sind, ist man froh, wenn man die K√§lber nicht alleine tr√§nken muss. Sonst sind zwei Stunden schnell vergangen. In dieser Zeit erhalten sie eine Impfung √ľber die Nase in die Lunge, damit sie gegen Lungenkrankheiten gewappnet sind. Falls ein K√§lbli jetzt schon Fieber hat, wird es auch dagegen mittels Spritze behandelt. Die erste Milch aus dem Schoppen muss auch die erste gemolkene Milch der frischen Mutter sein. Denn √ľber diese Muttermilch wird die Immunit√§t der Mutter auf das Kalb √ľbertragen. Danach erhalten sie f√ľr einige Tage normale Kuhmilch bis sie dann langsam auf die mit S√§ure angereicherte Milchpulvermilch umgestellt werden. Die S√§ure unterst√ľtzt die Verdauung der Milch im Magen. Nach ca. einer Woche werden die K√§lber, falls sie kr√§ftig genug sind, aus ihrer Einzelbox entlassen und der ersten Gruppe zugef√ľhrt. Die Stierk√§lber werden jeweils am Montag verkauft und von einem H√§ndler abgeholt. Nur selten wird ein Stier aufgezogen. Wenn dann muss er von einer guten Mutter und einem guten Vater abstammen. Denn trotz k√ľnstlicher Besamung werden doch noch Stiere im Stall ben√∂tigt.

Von der Milch zur festen Nahrung

Nach den Einzelboxen gibt es f√ľnf Gruppen mit je 10 - 30 K√§lbern. Pro Gruppe bleiben die Tiere etwa zwei Wochen. Ab der ersten Gruppe bleiben die Tiere in ihrer Gruppe immer zusammen. Nur einzelne K√§lber, die langsamer wachsen oder durch eine Krankheit geschw√§cht wurden, m√ľssen eine Runde nachsitzen.
In den ersten beiden Gruppen erhalten sie mit S√§ure angereicherte Milchpulvermilch. Es hat immer genug f√ľr alle, sie k√∂nnen trinken so viel sie wollen. Zus√§tzlich haben sie die M√∂glichkeit, Wasser zu trinken und Kalberfutter zu essen. In der dritten Gruppe wird die Milch langsam zur√ľckgefahren. Begonnen wird mit 10 l pro Tier und Tag. Von Tag zu Tag wird die Milchmenge reduziert. Dadurch werden ihre M√§gen langsam auf Wasser, Kalberfutter und Heu umgestellt. In der f√ľnften Gruppe gibt es keine Milch mehr. Da m√ľssen sie Wasser trinken und Kalberfutter essen. Im ganzen Kalberstall befinden sich normalerweise 60 ‚Äď 90 Tiere und sie sind ungef√§hr 90 Tage da.

Vom Kalberfutter zum Gras, Mais und zur Soja

Wenn die Tiere die f√ľnfte Gruppe verlassen, gibt es f√ľr sie einen Ortswechsel. Bis jetzt waren sie auf dem Hof in St. Bernadin, nun z√ľgeln sie in die drei St√§lle hinter dem Wohnhaus der Familie Suter ausserhalb von Alexandria.
In den ersten beiden St√§llen sind je vier Gruppen mit 20 ‚Äď 30 Tieren untergebracht. Auch diese Gruppen sind jeweils in zwei Bereiche geteilt, den Liegebereich gesch√ľtzt unter Dach und im vorderen Bereich die Futterstelle mit Blick ins Freie. Heu und Kalberfutter steht auch hier am Anfang auf dem Speiseplan. Doch schon bald machen die Tiere Bekanntschaft mit ihrer zuk√ľnftigen Hauptnahrung. Diese besteht aus Gras-, Mais,- und Sojasilage. Das wird in sogenannten Fahrsilos das ganze Jahr √ľber gelagert. Als ungef√§hr halbj√§hrige K√§lber wechseln sie in den zweiten Stall. Die Futterstelle ist jetzt draussen unter dem freien Himmel. Das macht sich bei kaltem und nassem Wetter bemerkbar. Die Tiere liegen dann lieber im trockenen gesch√ľtzten Bereich und wachsen in dieser Zeit etwas langsamer. Das Kalberfutter wird nun zur√ľckgefahren und schlussendlich ganz abgesetzt.

Vom Kalb zum Rind

Die etwa einj√§hrigen K√§lber wechseln von der ersten Gruppe im dritten Stall in die n√§chste gr√∂sste Gruppe mit ca. 110 Tieren. Nun sind sie bereit tr√§chtig zu werden. T√§glich kommt Neil der Insaminator zu Besuch. Er schaut sich die Tiere genau an, um herauszufinden welche im Moment stierig sind. Diese werden dann k√ľnstlich besamt. Mit fremden Spermien wird Inzucht vorgebeugt und man kann mit hoher Wahrscheinlichkeit weibliche K√§lber erhalten. Auch andere Eigenschaften der K√§lber k√∂nnen beeinflusst werden, wie ¬ęeasy calving¬Ľ also kleine K√§lber, damit die Mutter eine leichtere Geburt hat. Zudem f√ľhrt Neil auch Tr√§chtigkeitsuntersuchungen nach 30 und 70 Tagen durch. In der n√§chsten Gruppe sind noch 50 Tiere. Hier bleiben die werdenden M√ľtter bis etwa zu ihrem 20. Lebensmonat. Rinder, die nicht tr√§chtig werden, kommen auch in die letzte Gruppe, denn darin befindet sich ein Stier. Dieser merkt noch genauer, wann die Rinder zulassungsbereit sind, somit wird jedes Rind tr√§chtig.

Kalbern

Die tr√§chtigen Rinder werden zur√ľck nach St. Bernadin gebracht. In der ersten Gruppe d√ľrfen sie sich an den grossen Stall und die vielen anderen K√ľhe gew√∂hnen. Einen Monat vor dem Kalbern kommen sie in eine neue Gruppe. Da stehen sie unter spezieller Beobachtung und werden, sobald die Anzeichen auf Kalbern stehen, in die Geburten-Box mit Tiefstreue versetzt. Nun sind sie wieder am gleichen Ort, an dem sie vor zwei Jahren auf die Welt kamen. Das Neugeborene geht jetzt auf den gleichen Weg wie fr√ľher seine Mutter. F√ľr diese beginnt nun die Zeit der Milchproduktion.

Dreimal melken pro Tag

Die K√ľhe werden dreimal pro Tag gemolken. Das steigert ihre Milchproduktion und verhindert ein allzu pralles Euter. Die Melkzeiten sind um 4:00 Uhr, 12:00 Uhr und 20:00 Uhr. Gemolken werden sie in einem Melchstand. Hier auf der Farm in St. Bernadin ist es ein Doppel-10er. Damit k√∂nnen immer 20 K√ľhe gleichzeitig gemolken werden. Die K√ľhe werden gruppenweise in einen Warteraum geschickt, von wo sie in den Melchstand gelangen. Dieser √∂ffnet sich pro Seite separat und zehn K√ľhe gehen hinein und drehen sich um 90¬į, damit sie mit dem Hintern und dem Euter gegen den Mittelgang stehen. Die Zitzen werden mit verd√ľnntem Jod geputzt und abgewischt und anschliessend wird das Melkger√§t angeh√§ngt. Sobald die gesamte Reihe fertig ist, gehen die B√ľgel vor den K√ľhen auf und alle zehn k√∂nnen zur√ľck in ihre Gruppe gehen und zehn neue Tiere betreten den Melchstand. Beim Hineingehen wird die Nummer der Kuh per Halsband erfasst und die Milchwerte werden pro Kuh im Computer protokolliert. So k√∂nnen mit zwei Personen 500 K√ľhe in etwa f√ľnf bis sechs Stunden gemolken werden.

Die unterschiedlichen Phasen der Milchproduktion

Nach dem Kalbern kommen die K√ľhe zuerst f√ľr 2,5 ‚Äď 3 Monate in die ¬ęfresh-Gruppe¬Ľ. Mit der Zeit steigert die Kuh ihre Milchproduktion. Den Peak erlangt sie etwa 70 bis 100 Tage nach dem Kalbern. Nach 60 Tagen w√§re die erste Chance, die Kuh wieder zuzulassen. Dadurch w√ľrde man aber den Milchpeak gleich wieder abw√ľrgen. Deshalb wechseln die Tiere zuerst in die ¬ęhigh-Gruppe¬Ľ. Davon gibt es zwei verschiedene. Die K√ľhe der ersten und zweiten Laktation teilen sich eine Gruppe und die √§lteren K√ľhe ab der 3. Laktation sind separat. Anderenfalls w√ľrden die jungen K√ľhe von den √§lteren geplagt und von den besten Pl√§tzen verdr√§ngt. 90 oder 120 Tage nach dem Kalbern werden sie wieder zugelassen und sobald ihre Milchproduktion nachl√§sst, teilt man sie der ¬ęlow-Gruppe¬Ľ zu. Die ersten 30 Tage der n√§chsten Laktation werden die K√ľhe trocken gestellt. In diesem Monat werden sie nicht gemolken. Bevor sie dann wieder in die Gruppe kurz vor dem Kalbern gelangen und der Kreis beginnt von neuem. Zum Fressen erhalten die K√ľhe immer dasselbe Futter bestehend aus Mais,- Gras,- und Sojasilage, nur die Menge und die Mischung √§ndert sich je nach Phase, in der sich die Kuh befindet. Die K√ľhe m√∂gen keine √úberraschungen, sie haben es am liebsten, wenn sie immer die gleichen Abl√§ufe haben und dasselbe Futter bekommen. Im Schnitt gibt eine Kuh pro Tag etwa 44 Liter Milch. Wobei sie je nach Phase unterschiedlich viel Milch produziert. Der Rekord liegt bei 100 Liter Milch in einem Tag. In einer Laktation also vom Kalbern bis zum n√§chsten Mal Kalbern produziert eine Kuh der Familie Suter etwa 14'000 Liter Milch. So k√∂nnen von einer Kuh 80'000 Liter oder mehr in f√ľnf, sechs, oder sieben Laktationen zusammen kommen.

Arbeiten mit der Familie Suter

W√§hrend meiner Zeit auf dieser Farm in Kanada hat mich besonders die Arbeitseinstellung der Familie Suter inspiriert. Ich habe noch nie an einem Ort gearbeitet, an dem die Mitarbeiter durchwegs so fr√∂hlich waren und das trotz Sieben-Tage-Woche und langen Tagen von 6:00 Uhr bis 20:00 Uhr. Es ist wunderbar zu sehen wie Marcus √ľber das ganze Gesicht strahlt, wenn er mit dem Traktor das Futter zu den K√§lbern f√§hrt. Oder wie sich Sarah jeden Morgen die Zeit nimmt, die kleinsten K√§lber zu f√ľttern, zu beobachten und wenn n√∂tig Fieber zu messen. Auch Franz, der nun seit 30 Jahren diese Farm in Kanada f√ľhrt, ist noch immer jeden Tag voll Freude dabei. Ein solches Arbeitsklima ist ansteckend und hat sicher auch dazu beigetragen, dass es mir so gut gefallen hat. Aber auch die Familie Suter k√§mpft mit wirtschaftlichen Zw√§ngen. In den USA wird die Milch viel g√ľnstiger produziert, Auflagen an den Stall und die Tierhaltung erfordern Investitionen, das alles f√ľhrt dazu, dass viele kleine Betriebe nicht √ľberleben und von gr√∂sseren Farmen aufgekauft werden.
Mich w√ľrde es reizen die Feldarbeit kennen zu lernen. Wenn mit den grossen Maschinen der Mais und die Sojabohnen geerntet werden. Dies geschieht im Sommer und Herbst. In dieser Zeit habe ich andere Pl√§ne in Alaska. Vielleicht finde ich in einem anderen Jahr die Zeit, auch bei diesen Arbeiten dabei zu sein.
Vielen herzlichen Dank an die Familie Suter f√ľr die Beherbergung und die herzliche Aufnahme in die Familie.
 
Sicht auf den Bug

vorheriger Beitrag

Atlantic Sky 19.03.19


Alle meine Bilder d√ľrfen f√ľr die private Verwendung als Hintergrund f√ľr den Computer, das Tablet oder das Smartphone verwendet werden. F√ľr alle anderen Verwendungen brauchen Sie meine Einwilligung. Nehmen Sie bitte dazu Kontakt mit mir auf oder kaufen Sie eines meiner Bilder auf Papier gedruckt.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.