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Farmarbeit in Island Jan & Feb 19

Islandpferd
Islandpferde Jan & Feb19
22. April 2019
Sicht auf den Bug
Atlantic Sky 19.03.19
9. Juni 2019

Morgens und abends müssen die Kühe gemolken und gefüttert werden. Die jüngsten Kälber bekommen ihren Schoppen und auch die übrigen Tiere wollen etwas zu fressen. Sofern keine anderen dringenden Arbeiten anstehen habe ich dazwischen frei.

Tagwache in Mi∂-Hvoll

Auf einer Farm mit Tieren gibt es bekanntlich keine Wochenenden, die Tiere kennen weder Samstag noch Sonntag. Wir unterscheiden nur zwischen einem «Milk-Truck-Day» und einem normalen Arbeitstag. Immer montags, mittwochs und freitags besucht uns um 9:15 Uhr der Milchtankwagen und führt unsere Kuhmilch ab. Darum müssen wir an diesen Tagen um 7:30 mit der Stallarbeit beginnen. An allen anderen Tagen starten wir eine Stunde später.

Chüe mälchä und Chälbli schöppälä

Wir starten unseren Tag bei den Milchkühen. Zuerst schlüpfen wir in unsere Arbeitsüberzüge und in die Gummistiefel und starten den Waschvorgang des Melksystems. Die Kühe stehen oder liegen nun seit über 12 Stunden im Stall. Da kommt einiges an Mist zusammen. Der Stall ist mit einer Art Pflug ausgerüstet, welcher den Mist hinter den Kühen in den Güllenkasten schiebt. Von den Pflügen gibt es drei Stück und die müssen nacheinander gestartet werden. Zuvor empfiehlt es sich zu prüfen, ob es über Nacht eine Geburt gab. Die Neugeborenen müssen dann zuerst zurück zu ihren Müttern gebracht werden. Nach diesen Arbeiten teilen wir uns auf.
Jemand beginnt mit dem Füttern. Einige Mutterkühe bekommen etwas Kraftfutter. Je nach dem in welcher Phase von Schwangerschaft, Mutterschaft oder Milchproduktion sie sich befinden, erhalten sie keine bis zu zwei Behälter Pellets. Mich erinnert der Duft dieses zu Stäbchen gepressten Futters an das Kaninchenfutter, das wir als Kinder unseren Haustieren zu fressen gaben. Gleichzeitig werden die beiden Schoppen mit Milch gefüllt und in einem Eimer mit heissem Wasser aufgewärmt. Die älteren Kälber oder Rinder dürfen zweimal 2,5 Liter Milch trinken, die jüngeren erhalten nur einen Schoppen. Aktuell sind es fünf Jungtiere, denen wir Milch geben.
Jemand kümmert sich um die Milchkühe. Zuerst müssen die Lumpen, um die Zitzen zu putzen, von ihrem nächtlichen Chlorbad ausgespült werden. Nun kann es los gehen. Jede Kuh wird jeweils immer von der gleichen Seite geputzt und gemolken. Manchmal müssen die Kühe zum Aufstehen gezwungen werden. Dann werden die vier, manchmal hat es auch nur drei oder bis zu sechs Zitzen mit den nassen Lappen geputzt. Die meisten Kühe lassen das problemlos über sich ergehen. Einige sind nicht ganz so glücklich damit und wehren sich mit den Hinterbeinen. Zum Melken stehen uns vier Geräte zur Verfügung. Diese werden jeweils neben der Kuh an der Decke aufgehängt und mit einem Schlauch ans Unterdruckluftsystem und mit dem anderen an die Milchpipeline angeschlossen. Nun gilt es die vier Saugelemente an die Zitzen anzuschliessen und den Startknopf zu betätigen. Sobald das Euter leer ist, wird der Melkvorgang gestoppt und wir können die Maschine verschieben. So müssen im Moment 34 Kühe gemolken werden. Jede Kuh gibt zwischen 2 und 20 Liter Milch pro Durchgang, wobei wir bei allen am Morgen deutlich mehr Milch melken können als am Abend. Von den meisten Kühen erhalten wir 3 bis 8 Liter Milch pro Vorgang. Im Sommer sind sie etwas ergiebiger. So kommen am Ende des Tages fast 300 Liter Milch zusammen. Am Schluss müssen die vier Maschinen, die Lappen und das ganze Leitungssystem geputzt werden.

Tiere füttern

Falls das Wetter es zulässt dürfen die gemolkenen Kühe auf die Weide, falls nicht bekommen alle eine ordentliche Portion Heu. Einige kleine Kälber und Rinder sind an einem separaten Platz, diese müssen immer mit Heu gefüttert und ihr Trinkautomat die «Nanny» muss bei Bedarf mit Milch und Wasser gefüllt werden.
Im zweiten Stall warten noch mehr Tiere auf ihr Frühstück, die Schafe erhalten Heu wie auch die drei Stiere und weitere Rinder. Die sieben Hasen, die 18 Hühner und der Gockel bekommen Körner und falls vorhanden Reste aus der Küche.

Geburt eines Chälbi

Im Januar sind fünf Kälber oder Stierli auf die Welt gekommen. Drei davon über Nacht, eines am Tag ohne unsere Hilfe und eines am Abend während des Melkens. Ein Baby, das wir am Morgen zum ersten Mal sehen, liegt leider immer mitten im Mist der Kühe. Wir befreien es dann aus seiner misslichen Lage und legen es vor die Mutter. Diese leckt es ab bis es sauber ist. Von uns bekommt es zeitgleich einen 2,5 Liter Schoppen Milch. In den ersten Tagen erhalten sie Milch von der Mutter, weil darin besondere Nährstoffe sind und so die Imunität der Mutter auf das Chälbli übertragen wird. Das allererste Mal aus dem Schoppen trinken ist für die Kleinen gar nicht so einfach. Sie kennen den Schoppen noch nicht und so muss man sie zum Trinken zwingen. Nach dem ersten Schluck kommen sie schnell auf den Geschmack und trinken gerne Milch aus der Flasche. Ab dem zweiten Tag sind sie sauber und trocken und richtig süss anzuschauen. Nach wenigen Tagen steigern sie ihren Appetit und trinken gerne auch einmal 1,5 bis 2 Flaschen Milch. Die Babys dürfen ungefähr zwei Wochen bei ihren Müttern liegen. Anschliessend kommen alle Kleinen zusammen in ein anderes Abteil. Da werden sie zuerst noch mit dem Schoppen gefüttert, aber wir versuchen sie an die Nanny zu gewöhnen. Sie müssen lernen das Milch-Wasser-Gemisch aus dem Trinkautomaten zu sich zu nehmen.

Weitere Arbeiten auf dem Hof

Der Kuhstall soll noch diesen Frühling modernisiert werden und auch wir helfen dabei. Das zukünftige Hüsli für die Melkmaschine dämmen wir und montieren die äussere Wellblechverkleidung. Im Stall stellen wir die ersten Wände für das spätere Büro.
Von Zeit zu Zeit muss auch wieder einmal der Stall gründlich gereinigt werden. Mit der Mistgabel befördern wir das feuchte und verschissene Heu in den Mittelgang, von wo es Siggi mit dem Mini-Bagger abtransportieren kann. Leider hat dieser Bagger ein Leck in der Ölwanne und steht momentan nicht im Einsatz. Dann wird so eine Putzaktion zu einem Kraftakt. Insbesondere weil es viel zu selten geschieht und wir mehrere festgestampfte Schichten entfernen müssen.
Es gibt auch Cowboy-Tage, an denen wir die Rinder und Kühe von der Weide zurück in den Stall treiben müssen. Im Sommer würden wir dies mit Pferden machen aber im Winter nehmen wir den Jeep zu Hilfe und unsere eigenen Beine.
Aufgrund der eisigen Temperaturen in den vergangen Tagen sind die Wasserleitungen in einem Stall zugefroren. Mit Luftheizungen, Heissluft-Fön und Kerzen tauen wir die Leitungen wieder auf und retten die Tiere vor dem Verdursten.
Es gibt eigentlich immer etwas zu tun. Viele Arbeiten erledigt Siggi alleine, dadurch haben wir wirklich oft Freizeit zwischen dem Melken am Morgen und am Abend.

Lebensbedingungen der Nutztiere

Diese Farm ist schon alt und das sieht man ihr auch an. Die Wände bröckeln, das Dach tropft und zu den Fenstern zieht es herein. Auch die Platzverhältnisse für die Tiere sind nicht optimal. Die Liegeplätze der Kühe sind ziemlich kurz. Ich glaube in der Schweiz wäre dies so nicht mehr möglich. Hier in Island ist es im Moment noch möglich. Aber die Gesetzte ändern auch hier und bis in drei Jahren dürfen die Kühe nicht mehr angebunden sein. Ich bin mir sicher, die Tiere freuen sich hier genauso auf den Sommer wie die Isländer. Sobald es warm wird draussen und die Schneestürme vorbei sind, müssen die Kühe nur noch zum Melken in den Stall, sonst sind sie Tag und Nacht draussen. Ich denke übers Jahr gesehen geht es ihnen gut aber momentan haben sie eine harte Zeit.
Der Umgang mit den Tieren ist mit ganz wenigen Ausnahmen ganz freundlich. Das Futter wächst hier auf der Farm und auf Antibiotika wird verzichtet. Wenn bei einer Zitze eine Infektion festgestellt wird, melkt man diese nicht mehr und wartet bis sie geheilt ist. So kommt es doch öfters einmal vor, dass bei einer Kuh nicht alle vier Zitzen gemolken werden. Sehr schön haben es die Islandpferde. Sie sind das ganze Jahr über draussen und hätten die Möglichkeit in eine Scheune zu stehen. Diese interessiert sie aber nicht, bei garstigem Wetter stehen sie einfach zusammen und warten ab. Im Winter wenn der Boden gefroren oder schneebedeckt ist erhalten sie alle paar Tage eine Heuballe.
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«Farming as a lifestyle is lovely, farming as a work is shit»



Siggi
 

Farmarbeit aus Leidenschaft aber unter ökonomischen Zwängen

Die Hofbesitzer sind nicht zu beneiden. Sie arbeiten viel mehr Stunden als normale angestellte und es reicht kaum um die anfallenden Kosten zu decken. Dazu kommen die immer strenger werdenen Gesetze der Tierhaltung, welche hohe Investitionen erfordern. Die staatliche Unterstützung ist aber sehr gering. Wegen fehlenden finaziellen Mitteln versucht Siggi so viel wie möglich selber umzubauen. Da er aber jeden Tag morgens und Abends gezwungen ist die Kühe zu melken bleibt nicht viel Zeit für den Umbau.

Melkroboter

Um sich pro Tag mehr Zeit für all die anfallenden Arbeiten zu schaffen, wird in naher Zukunft vielleicht ein Melkroboter angeschafft. Dieser wäre dann für die Kühe frei Zugänglich und sie können sich melken lassen sobald ihnen danach ist. Das würde der eigenen Arbeitseinteilung viel Flexibilität bringen. Die beiden zeitlichen Fixpunkte, das Melken am Morgen und am Abend würde entfallen. Die nötigen Kontrollgänge bei den Tieren und beim Roboter wären dann zeitlich nicht gebunden. Siggi erhofft sich so den Arbeitsaltag zu erleichtern. Katie steht dem Melkroboter eher skeptisch gegenüber.

Temple Grandin «Humane Tierhalrung»

Katie hat uns das Buch «Humane Livestock Handling» von Temple Grandin gezeigt. Temple Grandin ist eine amerikanische Autistin die die Rinder wie kein anderer Mensch auf der Welt versteht. Nach ihren Entwürfen wurden mehr als die Hälfte der Amerikanischen Schlachthöfe umgebaut. Katie würde den neuen Stall auch gerne gemäss der Philosophie von Temple Grandin umbauen. Es geht darum störenden Details wie starke Kontraste, dunkle Stellen oder für die Tiere störende Geräusche zu minimieren. Das würde auch bedeuten keine geraden Gänge sondern leicht gebogene. Diese machen den Kühen und Rindern weniger Angst. Leider konnte sich Katie nicht durchsetzten. Zudem befürchtet sie den Kontakt zu den Tieren durch den Melkroboter zu verlieren. Ich kann beide Seiten gut verstehen.
 
 
 
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