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Glück und Unglück im Reisealltag Juli 2019

Val Bever
Val Bever 03.09.18
22. Dezember 2019
Der schönste Berg entlang des Dalton Highways
Dalton Highway Ende Juli 2019
1. Januar 2020

Meine Reise macht mir oftmals keinen Spass und ich frage mich, wieso ich das mache. Aber zum Glück folgt auf jedes Tief immer wieder ein Hoch. So war es auch in den fünf Tagen im Juli rund um den Denali.

Jahreszeit

Sommer

Jahreszeit
PK_USA

USA

Land
Wolken Sonne

Sonne, Wolken

Wetter

Elch

gesehen
PK_Tag-Nacht
5

Tage

697km

Strecke

PK_Hitchhicking
4

Autostöppler

Unfall
1

Unfälle

Übernachtungen

Dachzelt
4

Dachzelt

 
Sonnenaufgang

4:37

Sonnenaufgang
Sonnenuntergang

23:39

Untergang

Der Weg zum grossen Gletscher

Eines meiner Zielfotos in Alaska sollte einen der grossen Gletscher zeigen, die sich wie eine Schlange durch die Berge in die Ebene hinaus winden. Leider ist es in Alaska nicht so einfach, in die Nähe eines Gletschers zu kommen. Auf der Landkarte entdecke ich den Knik Gletscher und denke, bei diesem müsste es möglich sein nah heranzugehen. Als ich am Ende der befahrbaren Strasse zum Gletscher ankomme und zu Fuss weiter gehen will, erfahre ich, dass dieses Gebiet im Privat-Besitz ist und es nur mit einer geführten Tour betreten werden darf. Die freundliche Dame des Tour-Veranstalters gibt mir aber einen Tipp für eine Wanderung ganz in der Nähe. Also fahre ich mit dem Auto zum Anfang des Reed Lake Trails und muss feststellen, dass es leider kein Geheimtipp ist. Vor mir ist die gesamte Strasse voll mit parkierten Autos und mir vergeht die Lust hier mit meinem Zelt hoch zu steigen, vor allem auch, weil die Landschaft hier eher den Voralpen ähnelt und keine Gletscher in Sicht sind. Das sind die schwierigen Momente, insbesondere wenn man alleine unterwegs ist. Soll ich nun da bleiben, obwohl es mir nicht passt, oder soll ich doch noch weiterfahren und wiederum den ganzen Tag im Auto verbringen, obwohl ich doch eigentlich draussen sein und Alaska erleben möchte. Ich entscheide mich weiterzufahren und nehme den nächsten Anlauf Richtung Gletscher.

Petersville Road

Südlich vom Denali Nationalpark führt eine Strasse vom Highway Richtung Westen. Die Petersville Road erschliesst die gleichnamige Siedlung, die fast ausgestorben ist. Weiter führt sie ins Umland der Alaska Range. Da hat es überall Wohnwagen und Blechhütten von Goldschürfern. Ich fahre bis ich einen Platz mit schöner Aussicht in die Berge finde und hoffe, dass sich der Denali nicht die ganze Zeit in den Wolken versteckt. Später am Abend zeigt er sich dann wirklich noch. Plötzlich ragt aus den Wolken ein vergletscherter Berggipfel. Eine gewaltige Erscheinung, auch wenn ich hier noch 60 Kilometer von ihm entfernt bin.

Mein linker Heckflügel

Am nächsten Morgen fahre ich auf der Strasse weiter Richtung Westen, um möglichst nahe an den Kahiltna Gletscher heranzukommen. Die Privat-Schilder am Strassenrand übersehe ich bewusst und fahre gezielt weiter. Die Strasse wird immer schmaler und mehrmals muss ich den kleinen Fluss durchqueren. Aber genau für diese Strassen habe ich so ein grosses Auto gekauft, andernfalls hätte auch ein weniger geländegängigerer Bus gereicht. Ich fahre weiter bis die Gräser und Büsche links und rechts an meinem Auto kratzen. Auf der linken Seite liegt ein grosser Baumstamm, der gefährlich weit in den Weg hineinreicht. Ich hole bewusst weit genug rechts aus, um daran vorbei zu fahren. Leider habe ich das grosse Auto doch noch nicht so gut im Griff. Der linke Heckflügel hängt am Baumstamm ein, und ich bemerke es erst, als meine Karosserie schon ganz verbogen ist. In solchen Momenten hilft nur lautes Fluchen. In meinem Kopf spielt sich in solchen Fällen ein komisches Szenario ab. Ich kann mich tödlich über einen solchen Blechschaden aufregen, weil er doch so einfach hätte vermieden werden können. Andererseits ist es nur ein Blechschaden! Und es ist kein Problem so weiter zu fahren. Die Reparatur wird vermutlich unverhältnismässig teuer werden, wenn man bedenkt, dass es sich nur um ein optisches Problem handelt. Das ist besonders störend, jeden Tag, wenn ich ums Auto gehe, sehe ich den Schaden und werde an meine eigene Dummheit erinnert. Ich hätte nie gedacht, dass ich mir wegen einer Beule an einem Auto so arg die Laune vermiesen lassen würde.

Durch Büsche zum Kahiltna Gletscher

Momentan kann ich den Schaden sowieso nicht reparieren und nun sollte die Fahrt wenigstens nicht vergebens gewesen sein. Daher schultere ich meinen Rucksack und gehe zu Fuss weiter. Noch einige hundert Meter dem immer mehr zugewachsenen Weg entlang, bevor ich dann auf der rechten Seite aus der steilen Schlucht hinaussteige. Nun geht das mühsame Gehen los. Dichtes Gestrüpp und stachelige mannshohe Stauden versperren mir den Weg. Ich kämpfe mich aus dem Dickicht der Schlucht hinaus und stehe wieder auf der Hochebene umgeben von meterhohen lila Blumen. Die Blumenhalme lassen sich immerhin gut zertreten und so komme ich nun etwas besser vorwärts. Aber nach kurzer Zeit folgt schon wieder der nächste Streifen dichtes Gebüsch. Nun weiss ich, was Andi gemeint hat mit mühsamem Gelände im Yukon. Ich komme fast nicht vorwärts. Drei Meter hohe Büsche versperren mir den Weg und unten wachsen meterhohe Farne, welche mir die Sicht auf den Boden verwehren. Immer wieder trete ich ins Leere und kratze mir am Gehölz die Beine auf. Zudem bringe ich die Gedanken an die erste Beule an meinem Auto nicht aus dem Kopf. Sie versaut mir den Tag. Immerhin trösten mich die wunderbaren lila Blumenwiesen dazwischen etwas und der Rucksack fühlt sich schon fast leicht an, nur mit Kamera, vier Objektiven, Drohne und etwas Essen für unterwegs. So geht es etwa vier Kilometer bis zum Fuss der ersten Hügel. Am schlimmsten sind die Bachläufe, die ich queren muss. An deren Ufer ist die Vegetation besonders dicht. Sobald ich die erste ernsthafte Steigung erreiche, lässt es sich wesentlich besser gehen. Nach drei Stunden Gehzeit stehe ich auf der ersten Hügelkette. Leider sehe ich, auch wenn ich ganz nach vorne gehe, nur die Ausläufer des Gletschers und sein ehemaliges Ausdehnungsgebiet, welches ihm nun als grosse Kieslandschaft mit vielen Seen zu Füssen liegt. Ich starte meine Drohne und fliege zum Gletscher. Aus der erhöhten Flugposition ist die Sicht wesentlich besser. Aber die Distanzen hier in Alaska sind einfach riesig. Ich fliege bis in die Mitte des Gletschers und die Drohne meldet schon «low battery, es wird der Rückflug eingeleitet». Nach einigen Fotos mache ich das auch.
Mein Mittagessen in Form von klassischen Sandwiches aus dem selbst gebackenen Brot stärkt mich so, dass ich mich entschliesse, den nächsten Hügel auch noch zu besteigen. Oben angekommen habe ich endlich den Blick, den ich mir gewünscht habe. Ich sehe auf den schlangenförmigen Gletscher und dahinter die grossen zackigen Berge. Auch jetzt noch weit entfernt, aber immerhin aus der richtigen Perspektive.

Zurück zum Auto

Es ist sechs Uhr und ich mache mich wieder auf den Rückweg. Von oben scheint der direkte Weg zurück nicht mühsamer als der Umweg des Hinweges. Leider ist es aber von oben nicht so einfach den Bewuchs zu erkennen und wenn man erst einmal den ersten Kilometer gegangen ist und weiter unten steht, ist es schwierig bis unmöglich die optimale Linie zu erkennen. Daher kämpfe ich mich auf dem Rückweg noch mehr durch hohe Büsche und dichte Farne. Die Beine sind immer zerkratzter, was die vielen Fliegen freut, die sich genüsslich an meinem Blut satt saugen, sobald ich für einen kurzen Moment stehen bleibe. Ich beginne wieder zu fluchen, aber das hilft nicht, die Büsche weichen nicht vom Fleck. Im letzten Tal, das ich noch queren muss, sehe ich von oben eine verrostete Goldwaschmaschine. In der Hoffnung auf einen ehemaligen Weg zu stossen, steuere ich darauf zu. Tatsächlich führt ein Feldweg aus dem Tal hinaus auf die letzte Hochebene, welche ich noch queren muss. Als sich der Weg plötzlich aufteilt, packe ich die Drohne aus und prüfe die Lage von oben. Leider führt mich keiner der beiden Wege zum Auto. Ich muss wieder querfeldein durchs Gebüsch. Vor mir zieht eine Regenwolke vorbei und es erscheint ein wunderbarer Regenbogen genau über meinem Auto. Ein kleiner Trost, den ich leider nicht richtig geniessen kann. Den Aufstieg aus der Schlucht bis dorthin, wo mein Auto parkiert ist, habe ich zum Glück mit meinem GPS aufgezeichnet. Somit finde ich die gangbare Stelle wieder. Nach 11 Stunden Unterwegs-Zeit komme ich verschwitzt und zerkratzt bei meinem verbeulten Auto an. Ich dusche mich so gut es geht ab, ziehe frische Kleider an und fahre möglichst schnell aus diesem Unglückstal hinaus. Wirklich Schlimmes ist nicht geschehen, aber irgendwie fühlt sich dieser Tag überhaupt nicht gut an. Ich fahre zwei Stunden wieder zurück, um dann mein Nachtlager an der Peterswille Rd ganz in der Nähe eines kleinen Sees aufzuschlagen. Müde lege ich mich in mein Dachzelt und geniesse den Schlaf und die Ruhe. Am nächsten Tag ziehen sich die Wolken mehr und mehr zurück und ich habe wieder eine gute Sicht auf den Denali. Dieser spiegelt sich wunderbar im kleinen See und zu meiner Freude schwimmen sogar noch drei Entlein vorbei. Es geht mir wieder besser. Ich habe einen Standpunkt gefunden, von wo im Herbst bei idealem Wetter traumhafte Bilder entstehen können.

Keine Werkstatt aber eine ehemalige Mitschülerin

Die Beule im Auto geht mir leider nicht aus dem Kopf, weil ich sie auch immer sehe, wenn ich in den linken Rückspiegel blicke. Auf meiner maps.me Karte ist etwas südlich zurück auf dem Highway eine Touristen-Information eingetragen. Da hat es meistens Wifi. So könnte ich herausfinden, ob es in der Nähe einen Autospengler gibt, oder vielleicht eine freundliche Nachricht von zuhause empfangen. Die Touristen-Info ist leider nicht mehr da, an ihrer Stelle befindet sich ein Drive-in Fast Food Laden. Ich frage nach einer Autoreparatur-Werkstatt. Die nächste sei kurz vor Anchorage in Wasilla, wird mir beschieden. Das ist mir zu weit und ich beschliesse, einstweilen mit der Beule zu leben. Daher fahre ich wieder Richtung Norden. Auf der Suche nach einem Übernachtungsplatz für heute werde ich auch nicht glücklich. Der schöne Zeltplatz am See ist nicht offen, die anderen Stellplätze sind nur Rastplätze ohne Charme. Am Denali North View Overlook steige ich aus und geniesse nochmals den Blick auf den höchsten Berg Nordamerikas. Da fällt mir ein bekanntes Gesicht auf. Das kann doch nicht wahr sein. Mitten in Kanada 7500 Kilometer von Grabs entfernt treffe ich eine Schulkollegin aus der Sekundarschulzeit. Sie reist mit ihrem Partner vier Wochen im Mietcamper durch Alaska. Nach dieser grossen Überraschung suchen wir gemeinsam einen Stellplatz für die Nacht. Bis nach Sonnenuntergang unterhalten wir uns und tauschen unsere Reiseerfahrungen aus. Solche Momente sind wunderbar. Vielen Dank für den netten Abend Bettina und Severin.

Die verlorene SD-Karte

Am nächsten Morgen machen wir uns auf zum Parkeingang vom Denali. Die beiden haben drei Tage auf dem Teklanika Zeltplatz vor sich und ich werde wohl mein nächstes Backcountry Abenteuer starten. Nachdem letzte Woche die Sicht wegen der vielen Waldbrände sehr eingeschränkt war, sieht es nun etwas besser aus. Nur leider meint es das Wetter nicht so gut mit uns. Für die nächsten Tage ist immer etwas Regen angesagt. Ich beschliesse zwei Ruhetage zu machen und das Internet im Visitor Center zu nutzen, um meine Website zu aktualisieren.
Nachdem ich die Fotos von meiner Kamera und der Drohne auf den Computer gespielt habe, sollten die beiden Karten wieder zurück in die Geräte. Ich stelle mich wieder einmal besonders ungeschickt an, lege die kleine Micro-SD-Karte auf die Armlehne im Auto und schubse sie mit meinem Arm hinunter, während ich die andere Karte in die Kamera stecke. Wieder so ein Missgeschick. Obwohl die Karte leer ist und es nur ein finanzieller Verlust wäre, rege ich mich über meine eigene Dummheit auf. Am meisten schmerzt das Gefühl, dass eben doch nicht immer alles gelingt. Ich suche mit der Stirnlampe zwischen den Sitzen nach der fünf Millimeter langen Karte. Die muss doch irgendwo sein. Über eine halbe Stunde suche ich, aber ausser viel Staub und Dreck finde ich nichts unter dem Sitz. Ich räume die ganze Beifahrer-Seite aus und suche den Sitz immer wieder von vorne und von hinten ab. Aber die winzige Karte will nicht mehr zum Vorschein kommen. Als ich aufgegeben und eine andere Karte in die Drohne gesteckt habe, erspähe ich sie auf dem Asphalt neben dem Auto. So weit ist sie also geflogen. Immerhin bin ich jetzt wieder beruhigt und fahre zurück zum Übernachtungsplatz am Fluss.

Einladung zum Essen

Dort parkiere ich mein Auto und baue das Dachzelt auf. Es ist nicht das erste Mal, dass dieses Zelt auf meinem Autodach Neugierde und Begeisterung bei anderen Reisenden auslöst. Aber die beiden Frauen, die mich heute ansprechen, laden mich gleich zum Abendessen ein. In ihrem grossen Wohnmobil reisen die zwei Geschwisterpaare zu viert durch Alaska. Alle vier Damen sind ungefähr im Pensionsalter. Sie stammen aus der USA und wohnen in Iowa und Arizona. Es ist eine lustige Truppe. Zwei von ihnen beobachten ganz gespannt, wer alles noch so kommt und die beiden anderen machen es sich im Innern ihres Gefährts gemütlich. Ich erhalte einen Hotdog und Chili con Carne und zum Dessert gibt es Guätzli. Sogleich werde ich auch zum morgigen Frühstück eingeladen und freue mich jetzt schon auf Rührei mit Speck. Wieder erhalte ich eine Adresse. Das wird sicher lustig, bei den vier Damen vorbei zu schauen, wenn ich nächstes Jahr durch die USA fahre.
So folgt zum Glück auf ein unglückliches nerviges Ereignis auch immer wieder ein schöner Moment. Das Tolle an unserem Gehirn ist ja, dass wir uns später oftmals nur noch an die schönen Momente erinnern und die ungemütlicheren Zeiten vergessen.
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